Kölner Stadt-Anzeiger 23.03.2010

Erzählcafé

Stadt mit Trick überzeugt

Von Nadine Hantke

Jan Brügelmann lässt Deutzer Erinnerungen aufleben und diskutiert angeregt im Erzählcafé. Das Leben des Unternehmers in fünfter Generation fand zu einem großen Teil auf der Schäl Sick statt.

Deutz - Ein großer Erfolg ist das Buch „Wider das Vergessen. Deutz - ein Blick zurück“. Die erste Auflage von 500 Stück war innerhalb von zwei Wochen ausverkauft. Nun wurden 200 weitere Exemplare gedruckt, von denen wiederum nur noch einige wenige übrig sind. Das mehr als 200 Seiten dicke Buch wurde vom Trägerverein des Seniorennetzwerks Deutz, dem Centrum für nachberufliche Orientierung (Ceno), herausgegeben und enthält Geschichten von 21 Deutzern, die ihre Erinnerungen an den Stadtteil bewahren wollen.

„Viele Leser äußerten den Wunsch nach einer Fortsetzung. Diesem Wunsch kommen wir mit einem Erzählcafé nach“, sagte Miee Park, Koordinatorin des Senioren Netzwerkes Deutz. Geplant sind vier Veranstaltungen im Jahr, zu denen jeweils ein bekannter Bürger Geschichten aus dem Veedel erzählt und danach alle zum gemeinsamen Gespräch eingeladen sind.

Den Start als Erzähler machte der Unternehmer und ehemalige Bürgermeister Jan Brügelmann. „Ich freue mich, dass ich als Erster hier sein darf und Sie das neue Konzept an mir ausprobieren können“, sagt er. In Deutz gewohnt hat der heute 88-Jährige zwar nie, doch Erinnerungen an den Stadtteil hat er zu genüge, denn die Firma F. W. Brügelmann Söhne GmbH ist seit den 1930er Jahren in Deutz beheimatet. Heute hat die Deutsche Bahn ein Großteil des Geländes angemietet. Das Leben der Deutzer ist unausweichlich auf irgendeine Art und Weise mit dem Textilgroßhändler verknüpft. Und auch das Leben des Unternehmers in fünfter Generation fand zu einem großen Teil auf der Schäl Sick statt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Firmenzentrale in der Altstadt aufgegeben - heute befindet sich dort Peters Brauhaus.

„Es war gar nicht so einfach, die Stadt zum Kauf des Hauses zu bewegen“, erinnert sich Brügelmann und lacht. „Als ich dem damaligen Stadtdirektor jedoch drohte, dass ich es sonst an jedermann vermieten müsse, eventuell auch an das Rotlichtmilieu - da lenkte er ein.“ Auch die Zuhörer des Erzählcafés haben zahlreiche Erinnerungen an die Firma Brügelmann. „Wir haben damals die komplette Aussteuer dort gekauft. Man wusste, dass bei Brügelmann die Qualität stimmt“, sagt eine Zuhörerin. Und ihr Ehemann fügt hinzu: „Ihre Artikel haben wir heute noch, Herr Brügelmann.“

Das nächste Deutzer Erzählcafé findet Ende Juni statt. Als Gast wird Bezirksvertreter Wilhelm Schenk über die 60er und 70er Jahre in Deutz berichten.