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Kölner Stadtanzeiger Dienstag 08.06.2010
Aktionstag Demenz
Eine Stufe wird zum Hindernis
Von Nadine Hantke
Im Rahmen des „Aktionstages Demenz“ haben sich Schüler einen Vormittag lang in die Rolle eines Menschen begeben, der seinen gesamten Alltag mit dem Rollstuhl meistern muss. Auch eine präparierte Brille und Ohrenstöpsel kamen zum Einsatz.
Schüler der Montessori-Hauptschule sind mit Rollstühlen in Deutz unterwegs und erfahren am eigenen Leib, wie sich ältere und behinderte Menschen fühlen.
Deutz - „Mist“, flucht Andre. Die Stufe vor dem Eingang des Supermarktes verlangt ihm einiges ab. Sein Freund Tobias sitzt im Rollstuhl und Andre versucht, Tobias samt Rollstuhl in den Supermarkt zu fahren. Doch obwohl die Stufe gar nicht so hoch ist, stellt sie für die beiden 16-Jährigen ein großes Hindernis dar.
Glücklicherweise muss Tobias nicht jeden Tag im Rollstuhl sitzen. Er kann ganz normal laufen und weiß das nach dem heutigen Erlebnis auch besonders zu schätzen. Im Rahmen des „Aktionstages Demenz“ hat sich Tobias einen Vormittag lang in die Rolle eines Menschen begeben, der seinen gesamten Alltag mit dem Rollstuhl meistern muss. Auch eine präparierte Brille und Ohrenstöpsel setzte er zwischendurch auf, um am eigenen Leib zu erleben, wie man sich als älterer oder behinderter Mensch fühlt.
Neben Tobias und Andre nahmen noch 28 weitere Zehntklässler der Montessori-Hauptschule Ferdinandstraße an der Aktion des Senioren-Netzwerkes Deutz von „Ceno & Die Paten“ teil. „Über das Thema Demenz und Altern wissen junge Leute gar nichts. Mit der Aktion sollen sie sich in die Älteren einfühlen und sensibler werden für deren Probleme“, erklärt Melanie Möllenbeck von „Ceno & Die Paten“. Wie beim „Centrum zur nachberuflichen Orientierung“ (Ceno), hat auch bei der Montessori-Hauptschule das Konzept „Jung trifft Alt“ Tradition. „Unsere Schüler machen ein Praktikum im Seniorenzentrum, und Ehrenamtler von Ceno begleiten sie bei der Ausbildungsplatzsuche“, sagt Lehrerin Angelika Edelhoff.
Mittlerweile haben Andre und Tobias mit dem Rollstuhl schon einen Teil der Aufgabe geschafft: Sie sind mit der Straßenbahn bis zur Lanxess-Arena gefahren. „Das war kein Problem, die Bahnen sind ja ebenerdig. Aber als wir vom Bahnsteig runter wollten, mussten wir einen Umweg gehen“, erzählt Andre. Doch nicht nur Stufen bereiten den Test-Rollstuhlfahrern Probleme. „In einem Supermarkt waren die Gänge viel zu eng“, beklagen sie sich. Auch das Kopfsteinpflaster in der Deutzer Innenstadt ist nicht gerade rollstuhlgerecht.
Tobias ist besonders froh, nicht alleine unterwegs zu sein, als es an die Aufgabe geht, das Stadthaus auf seine Tücken zu untersuchen. Andre muss ziemlich viel Kraft aufwenden, um seinen Freund den langen Flur, der bergauf geht, hoch zu schieben. „Da habe ich mir heute das Fitnessstudio gespart“, lacht Andre, als er mit Schweißtropfen auf der Stirn an der Arena wieder rauskommt. Immerhin: Eine Behindertentoilette haben die Schüler im Stadthaus gefunden und die Türen lassen sich durch Tastendruck öffnen. „Die ganzen Aufgaben heute hätte ich im Rollstuhl nicht alleine erledigen können“, sagt Tobias.
Nach dem Ausflug als „alter Mensch“ kommen die Schüler zu den wirklich Älteren. Sie besuchen das Caritas Altenzentrum St. Heribert und haben dort die Gelegenheit, mit Haupt- und Ehrenamtlern zu sprechen sowie die Möglichkeit, einige Stunden mit den Bewohnern zu verbringen. „Wir wollen die Schüler auch ermutigen, ein Ehrenamt auszuführen“, erklärt Möllenbeck.
Ob sich nach dem Tag wirklich jemand für ein Ehrenamt bereit erklärt, bleibt noch abzuwarten. Eins ist für Teilnehmer Kevin jedoch klar: „Ich weiß jetzt, wie meine Oma sich fühlt.“



