Kölner Stadt-Anzeiger 12.10.2010 – Sonderbeilage RENTE

Das schwarze Loch mit Leben füllen

Von Hannah Schneider

 

Gähnende Langeweile nach dem letzten Tag im Beruf? Oder doch eher ein neuer Lebensabschnitt voller herausfordernder Aufgaben? Drei Rentner berichten von Ihren Erfahrungen abseits des Berufslebens.

 

Das Schönste ist die unendliche Freizeit“, sagt Horst Salan und wirft einen Blick durch die Balkontür, hinter der sich auf der großen, gepflegten Dachterrasse die Stengel und Blüten der Stauden im Wind bewegen. Seit einem Jahr ist der 60-jährige Kölner in passiver Altersteilzeit, hat sein erfülltes Berufsleben in der Öffentlichkeitsarbeit einer Krankenkasse abgeschlossen, arbeitet nicht mehr.

Angst vor dem Schwarzen Loch, vor der Langeweile, der Leere im Leben nach dem letzten Arbeitstag, von der immer alle reden, hatte Horst Salan nie. „Natürlich habe ich mich im Kopf intensiv damit auseinander gesetzt, was kommen wird. Ist die Arbeit Lebensinhalt? Wir haben viel im Familien- und Bekanntenkreis darüber gesprochen“, sagt Salan. „Dann bin ich zu dem Schluss gekommen: Es gibt ein Leben nach der Arbeit, es ist auch anschließend noch genug zu tun.“ Er habe sie dann einfach ganz entspannt auf sich zukommen lassen, die Rente, erzählt Horst Salan.

 

"Wir definieren uns über unsere Arbeit"

Knapp über 62 Jahre alt sind die meisten Deutschen heute, wenn sie sich vom Berufsleben verabschieden und in Rente gehen. Egal, ob diese Zeit als Lebensabend oder doch als Blüte des Lebens bezeichnet wird - viele fürchten sich vor der plötzlichen Leere, dem Mangel an Beschäftigung, wenn der Job wegfällt. „Wir definieren uns über unsere Arbeit“, sagt Gabriele Wahlen, Geschäftsführerin des Kölner Centrums für bürgerschaftliches Engagement Älterer, kurz Ceno. „Was sind wir überhaupt noch, wenn wir nicht mehr arbeiten? Diese Frage kommt automatisch auf, wenn es in Richtung Rente geht.“ Im Berufsleben noch der „Direktor“, in der Rente plötzlich nur noch „Mensch“. Es gehe auch um den Statusverlust, sagt Wahlen. Angst, nicht mehr gebraucht zu werden, Angst, alleine zu sein, wenn der tägliche Kontakt zu den Kollegen wegfällt - die Freude auf die viele Freizeit lassen sich viele so verdunkeln. „Dann kommt es darauf an, zu wissen - was will ich überhaupt? Was mache ich mit dieser Lücke?“, sagt Wahlen.

 

Neue Rituale pflegen

Für Horst Salan stand schon fest, was „später“ sein soll, als er noch mit beiden Beinen im Berufsleben stand. 35 Jahre lang war der Kölner gewerkschaftlich tätig, 30 Jahre lang im Personalrat bei seinem Arbeitgeber. „Da habe ich mich viel mit Menschen auseinandergesetzt. Deshalb begleitete mich dieser typische Spruch schon immer: Wenn ich mal fertig bin, mache ich was Ehrenamtliches“, sagt Salan. In aller Ruhe hat er nach seinem Renteneinstieg erstmal seinen Urlaub genossen. Hat sich Rituale zugelegt, die er weiterhin pflegt. Jeden Tag ein ausgedehntes Frühstück mit seiner Frau Eleonore, 59, die ebenfalls seit zwei Monaten im Ruhestand ist. Salan pflegt seine Bonsais, die Pflanzen auf der Dachterrasse und im Schrebergarten. Zweimal in der Woche unternimmt das Ehepaar eine ausgedehnte Radtour. „Irgendwann kam der Moment, in dem ich dachte - so, und jetzt machst du mal was.“ Bei Ceno hat sich Horst Salan dann über mögliche ehrenamtliche Tätigkeiten informiert. Was zu ihm passt, was zeitlich in Frage kommt. „Ich brauchte keine Beschäftigung, zu tun hatte ich genug. Ich wollte vielmehr irgendwo helfen“, beschreibt Salan seine Motivation.

Ceno berät und informiert nicht nur, sondern vermittelt auch bürgerschaftliche „Arbeitsplätze“ - unter anderem im vereinseigenen Projekt „Die Paten“. Senioren werden hier mit Schülern zusammengebracht, entwickeln eine Patenschaft für die jungen Leute, die Hilfe in ihrer Schullaufbahn oder bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz gebrauchen können. Seit einigen Monaten hat jetzt auch Horst Salan ein „Patenkind“. Der Hauptschüler soll im kommenden Jahr eine Ausbildung beginnen. Seine Vorstellungen sind, wie Salan sagt, noch sehr „wolkig“. Irgendwas mit Computern. Einmal in der Woche treffen sich der Rentner und der Hauptschüler. Sie kämen gut miteinander aus, sagt Salan. „Wir arbeiten ganz langsam heraus - was will er, was kann er?“

 

Helfen und sich selbst verwirklichen

Horst Salan und seine Frau haben eine erwachsene Tochter, die längst aus dem Haus ist. Jetzt ist da wieder jemand, an den man etwas weitergeben kann. „Den Erfolg, wenn der Jugendliche Fortschritte macht, den heftet man sich schon ans Revers“, sagt der Rentner.

Sich nochmal oder endlich selbst verwirklichen, neue Hobbys entwickeln, ehrenamtlich arbeiten - Möglichkeiten, das Loch nach dem Job mit Leben zu füllen, gibt es reichlich. Bestimmt ist das einer der Gründe für das Ergebnis des aktuellen Deutschen Alterssurvey. Demnach steigt heute die Zufriedenheit im Rentenalter. 65 Prozent der befragten Personen mit hohem Bildungsgrad gaben eine eher hohe Zufriedenheit an. 2006 waren es 63 Prozent, 2002 nur 59 Prozent.

 

Den Lebensinhalt verloren

Auch Brigitte Schwamborn fühlt sich heute wohl als Rentnerin. Das war vor ein paar Jahren noch ganz anders. Nach 24 Jahren Betriebszugehörigkeit wurde die damals 53-jährige Kölnerin von ihrem Arbeitgeber, einer Versicherung, „entsorgt“, wie Schwamborn es nennt. Die Versicherung fusionierte mit einer anderen, eine Niederlassung wurde geschlossen. „Ich hatte fast zwei Jahre Zeit, mich darauf vorzubereiten“, erinnert sich Schwamborn.

Trotzdem: Für die Rente war die Zollstockerin noch zu jung, für eine neue Festanstellung in den Augen vieler Personalchefs zu alt. Die Jahre bis zum Renteneinstieg hat sie mit Aushilfsjobs bei Versicherungen überbrückt. „Ich habe immer wahnsinnig gerne gearbeitet, Arbeiten war mein Leben“, sagt Schwamborn. „Ich wusste immer - die Rente, das Nicht-Arbeiten, das ist nichts für mich. Ich bin auf der einen Seite ein sehr chaotischer Mensch, auf der anderen aber auch ein sehr ordentlicher. Ich brauche meine Strukturierung im Alltag“, sagt Brigitte Schwamborn. „Es fühlte sich an, als hätte ich mein Korsett verloren.“

 

Man müsse aufpassen, sagt Schwamborn, die einen erwachsenen Sohn hat, nicht zu verlottern, sich nicht hängen zu lassen, wenn der Arbeitsalltag nicht mehr stattfindet. Kein ständiger Kontakt mehr zu Kollegen, kein regelmäßiger Tagesablauf. „Es gibt Phasen, in denen ist man abgeschnitten, redet vielleicht mal mit der Fleischverkäuferin oder höchstens mit den Nachbarn“, sagt die Alleinstehende. „Man vereinsamt.“

In diesen Zeiten zog Brigitte Schwamborn durch die Baumärkte, kaufte einen Akkuschrauber, einen Winkelschleifer, renovierte ihr Zuhause, in dem sie jetzt so viel Zeit verbrachte. Und: Sie kaufte ein sonnengelbes Sofa, aus Leder, ein schickes italienisches Teil. Ein Trostpflaster, eine Ablenkung, ein Stopfen für das berüchtigte schwarze Loch.

 

Ehrenamtliche Arbeit

Inzwischen hat Brigitte Schwamborn einen neuen Lebensinhalt gefunden. Auch sie arbeitet ehrenamtlich – und zwar jeden Tag. Sie hat sich an einer offenen Ganztagsschule verpflichtet, betreut drei Stunden täglich die Kinder zwischen sechs und zehn Jahren, die über den Nachmittag bleiben. Hausaufgaben machen, spielen, lesen. „Ich wollte arbeiten, aber nicht mehr für diejenigen, die sich eine goldene Nase an mir verdienen“, sagt Schwamborn.

Ihre „Kinderchen“, wie sie sie nennt, freuen sich auf sie, eine Schülerin nennt sie inzwischen ihre „Ersatzoma“. „Ich hatte keine Lust, den ganzen Tag Kreuzworträtsel zu lösen“, sagt Schwamborn. „Die Arbeit mit den Kindern ist sinnvoll.“ Die Nachmittage in der Schule sind anstrengend, die Kinder laut – wenn sie nach Hause kommt, muss sich Brigitte Schwamborn erst mal hinlegen. Man braucht viel Geduld, vor allem mit den Zappelphillippen – aber die habe ich jetzt, ich habe ja Zeit.“

 

 

Entspannen, reisen, lernen, helfen

Für die Sürtherin Irene Meurer kam die Rente nicht wie ein Schreckgespenst, sondern vielmehr wie ein Geschenk. 55 Jahre alt war die Nachrichtenredakteurin bei der Deutschen Welle damals, als ihr der Eintritt in den Vorruhestand angeboten wurde. „Ich griff sofort zu“, sagt Meurer heute.

Auch sie hatte ihr Leben lang gerne gearbeitet, in ihrem Traumberuf noch dazu. Trotzdem hatte sie auch Lust auf all das, was da noch kommen würde. Ein paar Monate lang einfach die Ruhe genießen, zu Hause in Sürth. Dann eine große Reise mit ihrem Mann, es ging nach Neuseeland, fünf Wochen lang. Und schließlich sogar ein Seniorenstudium an der Universität in Wuppertal, Schwerpunkt Geisteswissenschaften. „Es hat Spaß gemacht, zwischen den ganzen Jugendlichen zu lernen“ erinnert sich Meurer.

 

Erfahrungen weitergeben

Und schließlich stand auch für die ehemalige Journalistin fest: Ein Job im Ehrenamt, das wär's. Heute ist auch Irene Meurer Patin bei Ceno, betreut eine 22-Jährige, die Krankenschwester werden will. Es geht um praktische Tipps und Hilfe, aber auch um ein Stück Lebensberatung. Erfahrungen, vielleicht sogar Manieren. „Ich kann ihr was mitgeben“, sagt Meurer. Vom berüchtigten schwarzen Loch, der Leere nach dem Berufsleben, ist Irene Meurer jedenfalls ganz weit entfernt.

 

Kontakte

Ceno, das Centrum zur nachberuflichen Orientierung, bietet Menschen ab 50 Jahren Beratung und Weiterbildung nach dem Berufsleben an und vermittelt Möglichkeiten zum bürgerschaftlichen Engagement. Paten für das vereinseigene Patenprojekt werden regelmäßig gesucht.